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Berliner Weltmedizin
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Alle meine Rezensionen ansehen (VINE®-PRODUKTTESTER) Rezension bezieht sich auf: Die Charité: Geschichte(n) eines Krankenhauses (Gebundene Ausgabe) Die Autoren der vorliegenden Charité-Geschichte hatten sicher keine leichte Aufgabe zu bewältigen, um 300 Jahre wechselvolle Geschichte der Berliner Klinikinstitution angemessen zu würdigen. Wir haben hier schließlich eine Einrichtung des öffentlichen Wohls vor uns, die im 18. Jahrhundert als Lazarett und Armenasyl begann, militärärztliche Ausbildungsstätte, Krankenversorgungsanstalt und städtische Klinik war, später auch Universitätsklinik, und sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum anerkannten Zentrum fortschrittlicher Medizin und Wissenschaft entwickelt hatte.
Wie sich der Fortschritt der Medizin, mit allen Erfolgen und Niederlagen, in der praktischen ärztlichen Arbeit niederschlug, lässt sich in den chronologisch erzählten Geschichten sehr gut nachvollziehen. Das Spektrum reicht von Abdominaltyphus bis zur Zwangssterilisation. Tatsächlich wird auch der immerwährende Kampf von Medizinern und Ärzten gegen Kostenzwänge, bürokratische und politische Einflussnahme deutlich - das ist heute noch so. Man kann auch einen Blick auf das Frühstadium solidarischer Krankenfürsorge werfen, die heute in Gestalt mächtiger Versicherungskonzerne auftritt.
Spektakuläre Fallgeschichten leiten jedes der neun Hauptkapitel ein: ein psychotischer Landprediger, dessen Zustand 1812 mit einer psychischen Kur gebessert wird; ein Schustergeselle, der 1850 mit Kaltwassertherapie vom Fieber befreit wird; eine Restaurateurfrau, die 1876 Beilhiebe des Ehemanns dank ärztlicher Hilfe überlebt u. a. Man erfährt, wie Antisepsis, Asepsis, künstliche Blutleere, Labordiagnostik, Pathologie, Bildgebungs- und Narkoseverfahren in die Klinik kamen. Das tragische Schicksal des Starchirurgen Ferdinand Sauerbruch bleibt nicht unerwähnt.
Die Charité war auch die Bühne für Auftritte zahlreicher Mediziner von Rang und Namen. In Kriegs- und Friedenszeiten kam das gängige Repertoire von Drama, Komödie und Tragödie zur Aufführung, Medizinerstars und Statisten spielten eine Rolle. Vor allem politisch unsichere Phasen wie unter Napoleon, während der Revolution von 1848, im Krieg gegen Frankreich sowie im Ersten und Zweiten Weltkrieg führten an der Charité regelmäßig zum Verlust vieler hervorragender Ärzte und Wissenschaftler, die so gezwungenermaßen die Berliner Medizin in alle Welt trugen. Tatsächlich übernahm die Charité 1933 im vorauseilenden Gehorsam die Nazi-Rassegesetze und die Gleichschaltung der Ärzteschaft. Dies bedeutete die Vernichtung beruflicher Existenzen, Verfolgung, Deportation und Tod für viele Ärzte und Patienten. Man staunt auch über die problemlose Installation eines SED-Spitzelsystems an der Charité zu frühen DDR-Zeiten.
Das vorliegende Werk ist ein methodisch einwandfrei produziertes Kompendium zur Charité-Geschichte, mit 247 Seiten Text und knapp 60 Seiten Anmerkungen, Literatur, Tabellen und Plänen. Alle wichtigen Fakten sind zu finden und eine beeindruckende Liste großer Namen. Für den uneingeweihten Leser sind allerdings die Feinheiten akademischer Kompetenzstreitigkeiten schwer nachvollziehbar und das Namedropping wirkt mitunter ermüdend. Man hätte sich auch etwas mehr Farbe für diesen historischen Auftritt gewünscht - angesichts des stolzen Preises für dieses Buch. In jedem Fall ist dieses Standardwerk zum Schmökern und zum Nachschlagen sowohl zur Geschichte der Charité als auch der Medizingeschichte eine empfehlenswerte Fundgrube, die bewegte Schicksale und viele Überraschungen zu bieten hat.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 21. August 2010 |